Übers Lesen und Vorlesen

Seit Urzeiten erzählen Menschen einander Geschichten.

Am Lagerfeuer, in Felsenhöhlen, in Hütten, Häusern, Burgen und Schlössern.

Kaum jemand, ob arm oder reich, kann sich der Faszination einer gut erzählten Geschichte entziehen.

Vielleicht wird die eine oder andere nur ein einziges Mal erzählt, aber für dieses eine Mal hat sie ihren Zweck erfüllt: Ihre Zuhörer mitzunehmen ins Reich der Fantasie.  

So manches spannende Märchen aber wird – früher wie heute – über Generationen hinweg weitergegeben. Denken wir nur an das Schneewittchen der Gebrüder Grimm, den standhaften Zinnsoldaten von Hans Christian Andersen, den Rattenfänger von Hameln oder die fantastischen Erzählungen der Scheherazade aus 1001 Nacht.

Sie alle haben uns verzaubert, uns Momente des Träumens geschenkt.

Was einst – vielleicht am Lagerfeuer – begann, nahm seinen Fortgang bei den Geschichtenerzählern und Minnesängern des Mittelalters, die von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt zogen, um ihre Lieder, Sagen, Legenden, Mythen und Märchen vorzutragen. Sie wurden überflüssig mit Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert. Von nun an wurde gelesen und – vorgelesen.

Wie gerne habe ich meiner Oma Anna zugehört, wenn sie die Märchen der Gebrüder Grimm vorlas. Besonders im Winter gehörte das zu meinen abendlichen Highlights. Dann saßen wir am warmen Kachelofen, Oma in einem Lehnstuhl, ich auf einer kleinen Bank zu ihren Füßen, gebannt den Geschichten lauschend, die Oma auf ihre unnachahmlich anschauliche Art vortrug.  

Die Zeiten sind längst vorbei, viele Märchenbücher wurden durch Blockbuster und E-Books ersetzt, Schneewittchen durch Harry Potter.

Aber warum nicht? Jede Zeit hat ihre Helden.

Es heißt: Kinder, die lesen, oder denen vorgelesen wird, entwickeln mehr Fantasie und Gefühle. Sie fiebern mit ihren Lieblingen, Bilder entstehen in ihrem Kopf, die sie mit dem geschriebenen Wort verbinden und auf diese Weise Sprachkompetenz erwerben. Digitale Medien, Kino, Fernsehen können das nicht vermitteln. Das sagen Experten.

Ich glaube ihnen.


B.G. Turner