Ein ehrliches Wort
Rumänien hat uns überrascht.
Wir haben ein Land erlebt, das im Aufbruch ist. Eines, das sich streckt, entwickelt, neu erfindet. Viele junge Menschen sprechen fließend Englisch, offen, zugewandt, neugierig. Gespräche entstehen fast mühelos. Und wenn die Worte einmal fehlen, helfen ein paar französische Brocken, ein Lächeln, ein wenig Geduld – und plötzlich versteht man sich doch.
Was uns besonders geblieben ist: die Freundlichkeit. Nicht aufgesetzt, nicht berechnend. Sondern echt. Hilfsbereit. Zugewandt. Kein falsches Spiel, kein Gefühl, ausgenutzt zu werden. Im Gegenteil – oft hatten wir den Eindruck, willkommen zu sein.
Und dann sind da die Gegensätze. Das Leben ist günstig – zumindest für uns. Ein Lei entspricht etwa zwanzig Cent.
Für einen frischen Salat mit gebratener Hähnchenbrust haben wir in einem Restaurant umgerechnet vier Euro bezahlt.
Auf einem Markt, den wir eher zufällig entdeckten, lagen Obst und Gemüse in einer Qualität, wie man sie sich wünscht: reif, duftend, voller Geschmack. Ein Kilo Erdbeeren – keine drei Euro.
Und doch bekommt dieses Bild Risse, sobald man genauer hinsieht.
Man erzählte uns, dass ein Arzt in einem rumänischen Krankenhaus kaum mehr als 330 Euro im Monat verdient. Die Miete in einem typischen sozialistischen Hochhaus liegt bei etwa 60 Euro. Zahlen, die für sich stehen – und die doch nur einen Teil der Wirklichkeit zeigen. Denn trotz aller Renovierungen, trotz neuer Straßen, trotz restaurierter Fassaden bleibt die Armut sichtbar. Spürbar. Unübersehbar. Es wird dauern. Jahrzehnte vielleicht, bis die alten, bröckelnden Gebäude verschwinden und Platz für Neues entsteht. Und trotzdem: Es gibt diese anderen Orte. Innenstädte, die mit Liebe gestaltet sind. Plätze, die zum Verweilen einladen. Parks, die Weite schenken. Restaurants, die mit überraschender Qualität glänzen. Und plötzlich ist da ein Rumänien, das leicht wirkt, fast unbeschwert.
Doch nur wenige Kilometer weiter beginnt eine andere Welt.
Roma-Siedlungen am Rand der Städte, oft in unmittelbarer Nähe riesiger Müllkippen. Hütten aus Pappe und Wellblech. Menschen, die in einer Armut leben, die sich kaum in Worte fassen lässt. Und mittendrin: Hunde. Streunend, hungrig, oft in Rudeln. Ein alltäglicher Anblick – und doch schwer zu ertragen. Aus ihrem Elend ist ein Geschäft geworden. Für jeden eingefangenen Hund gibt es ein paar Lei. Genug, um Grausamkeit zu rechtfertigen. Viele dieser Tiere werden als reine „Vermehrer“ gehalten. Wurf auf Wurf. Solange, bis nichts mehr geht. Und wenn sie nicht mehr „nützen“, werden sie entsorgt. Auf brutale Weise.
Wer sich mit Tierschutz beschäftigt, kennt die Smeura – wohl eines der größten Tierheime der Welt. Bis zu 6000 Hunde finden dort Zuflucht. Gegründet von einer engagierten Österreicherin, ist dieser Ort ein Gegenpol zu all dem Leid. Ein Versuch, das Unfassbare wenigstens ein Stück weit aufzufangen. Tierschützer leisten hier Unglaubliches. Sie klären auf, kämpfen für Kastration statt unkontrollierter Vermehrung, versuchen, Bewusstsein zu schaffen. Doch Veränderung braucht Zeit. Viel Zeit. Vielleicht auch deshalb, weil dieses Land eine Geschichte trägt, die schwer wiegt. Ein Land, das unter der Willkür von Nicolae Ceaușescu gelitten hat. Ein System, das selbst vor den eigenen Kindern nicht Halt machte. Wer mit solchen Wunden lebt, entwickelt nicht von heute auf morgen Mitgefühl – weder für Menschen noch für Tiere. Und trotzdem: Zwischen all dem habe ich immer wieder etwas gespürt, das sich nicht unterkriegen lässt. Hoffnung. Leise und zäh. Unaufhaltsam.







