Das Leben unterm Zirkuszelt

Wie sieht das Leben im Zirkus eigentlich aus?

Vor dem Zelt schnattern ein paar Gänse in ihrem Gehege, eine Schar Hühner pickt emsig im Gras. Drei Ziegen stehen neugierig zwischen den Wohnwagen, daneben ein braunes Pony, das gelassen den Kopf hebt. Vor den Fenstern blühen liebevoll gepflegte Blumenkästen.

Der Wohnwagen, das kleine Kassenhäuschen, das Eingangsportal - alles ist bunt bemalt, verspielt, ein wenig aus der Zeit gefallen. Genau das macht den Zauber aus.

Ich kaufe mir eine Eintrittskarte - und natürlich eine große Portion Zuckerwatte. 

Schon als Kind konnte ich daran nicht vorbeigehen.

Manche Dinge ändern sich nie.

 

Dann wird das Licht gedimmt. Bunte Scheinwerfer tauchen das Zelt in warmes 

Leuchten. Zirkusdirektor Conrad Maatz betritt die Manege, gekleidet in eine schwarz-rote Uniform. Es wird still. 

Erwartungsvolle Kinderaugen richten sich auf ihn - doch auch die Erwachsenen scheinen sich dem Zauber nicht entziehen zu können.

 

Die Vorstellung beginnt.

 

Ein Pony zeigt unter Anleitung von Herrn Maatz kleine Kunststücke. Für jede gelungene Übung gibt es ein Leckerli - und am Ende dürfen die Kinder das Tier sogar streicheln. Ein Moment, der Herzen öffnet.

 

Es folgen Balanceakte auf dem Rola-Bola, bei dem ein Brett auf einer Rolle ins Wanken gerät und doch beherrscht wird. Der älteste Sohn stapelt Stühle auf seinem Kinn - ein Spielmit Gleichgewicht und Nerven. Die Tochter schwebt als Seiltänzerin durch die Manege, während Mutter Maatz sich als Schlangenfrau verbiegt.

 

Die Zeit vergeht wie im Flug. Neunzig Minuten, die viel zu schnell vorbei sind.

 

Nachdem sich das Zelt geleert hat, bekomme ich die Gelegenheit zu einem Gespräch mit der Familie. Freundlich werde ich in einen Wohnwagen gebeten. 

Drinnen ist es überraschend gemütlich - fast ein kleines Wohnzimmer. Ein Ofen steht in der Ecke, der im Winter für Wärme sorgt. Die Kinder teilen sich die Wohnwägen, viel Platz bleibt nicht. Jeder Gegenstand hat seinen festen Platz, jedes Detail wird genutzt, nicht dekoriert.

 

Wir sitzen zusammen, die ganze Familie.

 

Meine erste Frage gilt der Schule.

"Natürlich gehen wir zur Schule", bekomme ich zur Antwort. "Immer dort, wo der Zirkus gerade ist." Manchmal wechselt die Schule sogar mehrmals in der Woche." 

Kein einfaches Leben. Unterschiedliche Lehrer, ständig neue Anforderungen.

"Da muss man im Wohnwagen viel lernen", sagt Leandro. "Das Zeugnis gibt es nur einmal im Jahr, wenn wir im Winterquartier länger an einem Ort sind."

 

Wer unter solchen Bedingungen einen Abschluss schafft, verdient Respekt. Neben der Schule stehen täglich Training und eine Vorstellung von 90 Minuten an. Dazu kommt die Versorgung der Tiere: bürsten, füttern, pflegen.

Zeit für Hobbys?

Leandro lächelt leicht. "Wir gehen gern angeln. Und Lorraine liest viel."

 

Ein Computer hat keinen Platz, aber ein Fernseher steht im Wohnwagen. "Sponge Bob und Schloss Einstein", sagen sie und lachen.

Am frühen Nachmittag beginnt die Vorbereitung auf die nächste Vorstellung. Lorraine macht Dehnübungen für ihre Akrobatik, Leandro schminkt sich - er tritt als Clown auf.

 

"Bekommt ihr dafür eigentlich Geld?", frage ich.

Der Vater schmunzelt. "Ein bisschen Taschengeld - und eine Gage. Aber die wird für neue Kostüme gespart."

Zum Abschluss möchte ich wissen, was das Schönste an diesem Leben ist.

Der Vater lehnt sich zurück.

"Unseren Zirkus gibt es seit 1825", sagte er ruhig. "Wir halten als Familie fest zusammen. Und wenn wir das Lachen hören und den Applaus ..." er macht eine kurze Pause , ..." dann wissen wir, warum wir das alles tun." 

 

  

 

Ein wichtiger Teil meiner "Lenny vom See" Geschichte führt in die Welt eines kleinen, ärmlichen Wanderzirkus in Rumänien.

Mir war schnell klar: Wenn ich darüber schreibe, darf es nicht aus der Distanz geschehen. Ich wollte verstehen, wie sich dieses Leben anfühlt - jenseits von Klischees und bloßer Vorstellung.

 

Also suchte ich den direkten Kontakt.

Hier in Deutschland besuchte ich einen kleinen Wanderzirkus, ein Familienunternehmen, das heute leider nicht mehr existiert. Ich durfte hinter die Kulissen blicken, den Alltag miterleben, Gespräche führen, beobachten.

 

Was mich dort besonders berührt hat, war das Leben der Kinder. 

Für sie ist ein Zirkus kein Abenteuer, es ist ihr Zuhause. Ein Leben auf engstem Raum, geprägt von harter Arbeit, stetigem Unterwegssein und einer Welt, die sich ständig verändert. Und doch tragen sie eine Selbstverständlichkeit in sich, die nur entsteht, wenn man von klein auf in diese Realität hineinwächst.

Ich entdecke den kleinen Wanderzirkus der Familie in einem Dorf nahe Hannover. Mitten im Ort, auf einer Wiese, leuchtet das bunte Zirkuszelt schon von weitem. Es wirkt wie ein fröhlicher Fremdkörper im Alltagsgrau. 

Die Kinder, von denen ich in meinem Artikel erzähle, sind später genau diesen Weg weitergegangen. Sie blieben in der Welt des Zirkusses, weil sie trotz aller Entbehrungen auch eine Form von Zugehörigkeit darin finden.

 

Diese Begegnungen haben meinen Blick verändert. Sie haben meiner Geschichte Tiefe gegeben - und den Menschen ein Gesicht darin. 

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.