B.G. Turner

 



Leseprobe


aus Lenny vom See, Band 1 " Die Quelle"



Nekk

In der Stunde zwischen Tag und Abend, während der volle Mond schon bleich und schwer seinen Platz am Himmel behauptete und die ersten Sterne schüchtern zu funkeln begannen, verabschiedete sich die Sonne und nahm die helle Bläue eines lauen Frühlingstages mit. Tief über dem Horizont hängend, badete sie die aufziehenden Nachtwolken in ein letztes Licht und tauchte gelbgold in den See ein.

   Im Uferwasser, verborgen zwischen Schilf und Seerosen, lag reglos eine ungewöhnlich große Schildkröte. Ihr bräunlicher Panzer fügte sich perfekt in die verwurzelten Pflanzen, sodass er fast unsichtbar war. Die Kröte schien zu schlafen, doch ihre gelbgrünen Augen blickten aufmerksam auf den See hinaus. Sie suchten das glitzernde Kräuseln des Wassers ab, schweiften die Uferzone entlang und schließlich, als es dort nichts Ungewöhnliches zu entdecken gab, richtete sich ihr Blick auf den dämmerigen Himmel.

   Der Krötenhals fuhr aus dem Panzer, reckte sich erst nach Westen, dann nach Norden. Die winzigen Nüstern weiteten sich und sogen die Abendluft ein. Sie roch Blumenduft und einen leicht modrigen Geruch von verrottetem Schilf. Die Schildkröte wollte eben ihren Kopf in die Geborgenheit des Panzers zurückziehen, als sie im letzten Tagesleuchten vier dunkle Umrisse wahrnahm, die sich gegen das Licht der untergehenden Sonne abhoben. Noch waren sie kaum zu erkennen, doch als sie näher kamen, hörte die Schildkröte helle Stimmen.
Sie horchte. Ohne Zweifel, das waren Mädchenstimmen da vor ihr.

   Sie verließ die Uferzone und glitt so tief in den See, dass nur noch die Wölbung des Rücken-panzers die Wasserfläche durchbrach. Ihre gelbgrünen Augen lugten über die kleinen Wellen, und jetzt sah sie es.
   Auf dem schmalen Grasstreifen neben der Uferböschung kamen ihr vier junge Mädchen entgegen.